Hollywood ohne Hürmann

Der Reisman-Bezwinger kommt im Kinofilm „Marty Supreme“ nicht vor.
Hamm – Hollywood findet ohne Franz-Josef Hürmann statt. Dabei hätte der Hammer eine Hauptrolle verdient gehabt. Wenn am Donnerstag der Film „Marty Supreme“ über die amerikanische Tischtennislegende Marty Reisman mit Weltstar Timothée Chalamet offiziell in den deutschen Kinos anläuft, wird die Geschichte des früheren Bundesligaakteurs vom TTC GW Bad Hamm nicht erwähnt. Hürmann war der erste Spieler, der in einem offiziellen Duell mit gleichen Waffen gegen die US-Tischtennislegende gewonnen hat: 1977 bei den Closed National Table-Tennis-Championships, den geschlossenen nationalen Meisterschaften. „Zu der Zeit lebte ich schon ein paar Jahre in Amerika, war mit Debbie, einer Amerikanerin, verheiratet und hatte mir bereits in den Staaten einen Namen im Tischtennis gemacht“, erinnert sich der 76-Jährige. „Daher hatte ich die Green Card und durfte an allen Meisterschaften teilnehmen.“

Reisman war eine gleichermaßen schillernde wie umstrittene Persönlichkeit in der amerikanischen Tischtenniswelt. Und ein Vertreter der ursprünglichen Form des Tischtennissports zu Zeiten, in denen es noch keine glatten Schwammbeläge gab und nur mit dem sogenannten Hardbat, dem Brettchen, gespielt wurde. Als junger Mann hatte es sich der 1930 in ärmlichen Verhältnissen in New York geborene Reisman zum Ziel gesetzt, Tischtennis-Weltmeister zu werden. Bei der WM 1952 in Bombay (heute Mumbai) war er auf dem besten Weg dahin, traf im Halbfinale aber auf den Japaner Hiroji Sato, der mit neu entwickeltem Schwammbelag-Schläger antrat, locker gewann, später Weltmeister wurde und damit das Ende der Brettchen-Ära besiegelte. „Reisman hatte gar nicht gewusst, dass mit den Belägen andere Schnittvarianten möglich sind – entsprechend hatte er keine Chance und sich danach geschworen, nie wieder gegen solche Schläger zu spielen“, sagt Hürmann.

Eigens für Reisman wurden dann bei amerikanischen Turnieren reine Hardbat-Meisterschaften eingeführt, die er regelmäßig gewann. Als der 20 Jahre jüngere Hürmann auf den Plan trat, hatte Reisman das Interesse an diesen Meisterschaften längst verloren. Er hatte 1958 in Manhattan eine eigene Halle, den „Riverside Table Tennis Club“ eröffnet, in dem er sein Image als Zocker, als Moneyplayer und bunter Vogel, pflegte: Vorne wurde Tischtennis gespielt, in den hinteren Räumen Poker – beides um Geld. „Der legte bei 19:19 den 100-Dollar-Schein unters Netz und hat erst weitergespielt, wenn du deinen Einsatz dazugelegt hast“, sagt Hürmann.

Das Turnier 1977 fand traditionell im Caesars Palace in Las Vegas statt. Und Reisman hatte ursprünglich gar nicht gemeldet. „Der wurde dann vom amerikanischen Tischtennisverband informiert, dass da ein kleiner Blonder aus Deutschland ist, der ihm gefährlich werden könnte. Und die haben ihm ein Ticket geschickt“, so Hürmann. Reismann flog nach Vegas, spielte das Turnier, und beide trafen im Finale aufeinander. „Da war ich 27 und er schon 47 und hatte sich so eine Schrulle angewöhnt, nur noch mit dünnen weißen Turnschuhen, langer Hose, Rollkragenpulli und Barett anzutreten“, erinnert sich der Hammer. Beim Warmspielen bekam jeder drei Bälle zum Testen, um den besten herauszufiltern. „Wir haben Bälle ausgedreht, und als ich ihm meinen gezeigt habe, hat er mich beglückwünscht, dass ich einen runden Ball erkennen konnte. Der hat mit allen Mitteln versucht, den Gegner zu verunsichern, spielte den Ball mal hinterm Rücken, mal durch die Beine.“

Gewonnen hat Hürmann: 21:7, 21:15, 21:19. „Ich hatte etwas längere Noppen, mit mehr Grip. Dass man damit Schnitt auf den Ball geben konnte, hat er erst gar nicht verstanden. Aber der hat sich immer besser auf mein Spiel eingestellt, daran sah man, dass es ein Weltklassespieler ist.“ Anschließend lud Reisman seinen Bezwinger zur Revanche in seinen Club nach Manhattan ein. „Wir spielen – du bestimmst den Einsatz.“ Doch Hürmann lehnte dankend ab. „Da hätte ich keine Chance gehabt.“

Den Film, der in den USA bereits im November angelaufen ist, hat Hürmann bis Mitte der Woche noch nicht gesehen. „Aber mein Sohn Brian war schon drin“, sagt der Hammer und weiß daher, dass seine Begegnung mit der Titelfigur nicht im Plot vorkommt. „Aber Timo Boll hat eine 20-Sekunden-Szene. Der spielt einen tschechischen Nationalspieler“, sagt Hürmann. Ansonsten: „Vorne etwas Tischtennis, am Ende ein bisschen – und in der Mitte ganz viel Hollywood.“

Einen eigenen Kinofilm wären schon die Aktivitäten des Hammers wert, der an mehreren Welt- und Europameisterschaften der Senioren teilgenommen hat – und mit dem Fahrrad zu den Turnieren in Finnland, Ungarn, Schweden und sogar Amerika angereist ist. Neben seinen Medaillen bei den anderen Turnieren gewann er 2018 in Las Vegas – dort, wo er Reisman bezwungen hatte – mit Gerd Werner WM-Silber im Doppel und Bronze im Einzel.

Für Hürmann, der zuletzt über Jahre für die TTF Bönen gespielt hat, ist der Film dennoch ein Muss. Am Mittwoch war er von Andreas Preuß, einem anderen ehemaligen Spieler des TTC GW Bad Hamm, nach Düsseldorf eingeladen. Der langjährige Manager des deutschen Rekordmeisters PSV Borussia Düsseldorf und sein Club haben die Crème de la Crème der deutschen Tischtennisszene zu einem Vorpremieren-Event ins Kino eingeladen.

„Da war die ganze Prominenz versammelt, und ich sollte ein Interview geben, weil ich der einzige Spieler aus Deutschland bin, der gegen Reisman gespielt hat“, so der 76-Jährige. „Timo hat auch einmal gegen den Hauptdarsteller Timothée Chalamet gespielt. Der hat eigens lange für die Rolle geübt und spielt das schon ganz ordentlich. Für mich die perfekte Besetzung für die Rolle“, findet Hürmann. Finden auch die Kritiker: Der Film ist in neun Kategorien für den Oscar nominiert – eine davon ist die für den besten Hauptdarsteller.

Seit ein paar Jahren besitzt er einen Video-Beweis von der Partie im Caesars Palace. Ein Amerikaner hatte vom Spiel Aufnahmen mit einer Super-8-Filmkamera gemacht. „Seine Frau hat nach seinem Tod die Filmrolle mit der Aufschrift Table Tennis gefunden – und ich habe bei einem Turnier in Nordhorn einen jungen Amerikaner getroffen, einen Computer-Wizard, der die Aufnahmen digitalisiert und mir eine DVD geschickt hat“, freut sich Hürmann. Vielleicht schaffen es die Sequenzen ja in eine Extended Version des Films. Und wenn das nicht passiert? Macht nichts. Hürmann wird trotzdem ein zweites Mal in den Film gehen. GÜNTER THOMAS